Leise Landung

 

Wir werden wach. Stehen vor Bahngleisen unserer Erinnerung, an Bahnhöfen in denen Züge ein und aus fahren. Wir klopfen uns auf die Schulter, beglückwünschen uns zu den guten Tagen die wir hatten, zu lauten, bunten und lustigen.

Wir werfen keinen Blick nach links oder rechts, nicht mal hinab zu unseren Fußspitzen um zu sehen ob wir heute barfuß sind oder totes Leder tragen. Denn wir wissen es. Wir tragen jeden Morgen das selbe.

Unsere Frisur sitzt, der Haarlack unseres Lebens hält alles fest, was aus dem Ruder zu laufen droht. So wie Träume. Träume laufen allzu leicht aus dem Ruder oder irgendwo hin, erinnern uns an gestern und morgen und wollen doch nur eines nämlich weg.

Aber wir wollen nicht weg. Das reden wir uns ein. Während wir an zugigem Bahnsteig mit sitzender Frisur auf ein- und ausfahrende Züge starren und fade Bandansagen anhören die uns eine Richtung geben wollen.

Wir wissen nicht wohin. Als spräche die Frau im Lautsprecher eine andere Sprache. Vielleicht hat sie nur andere Träume.

In schwedischen Wäldern kommen Elche manchmal bis ganz nah an Häuser. Beängstigend. Wer kommt in meinem Wald an mich heran? Unwichtig, denke ich und frage mich ob ich nun doch einen Blick auf meine Fußspitzen riskieren soll. Aber wozu? Ich bin nicht barfuß. Das Leben ist kein Urlaub und wir nicht Jenseits von Afrika oder über den Dächern von Irgendwo.

Wir stehen einfach am Bahnsteig und wissen nicht wohin. Und es geht letztendlich nur nach rechts oder links. Erstmal. Eine einzige kleine bruchstückhafte Entscheidung. Spaghettieis oder Rührei mit Speck. Doch nicht mal das ist uns möglich. Weil wir uns nicht mehr erinnern an unsere Träume.

Wenn uns jemand anspricht erschrecken wir, glauben kurz wir hätten geträumt. Aber nein, wir träumen ja nicht. Sind nur nebenan im anderen Büro. Und ist es ein Mensch ohne Haarlack bringt er uns schier um den Verstand. Wahrscheinlich hat er Elche in seinem Garten während er Spaghettieis isst. Meine Schuhe sind eng, doch sie halten mich fest. Wie meine Hand sich klammert: fest. An was, habe ich vergessen. Genauso wie meine Träume die sind auch vergessen oder die Frage, ob ich an etwas glaube. Aber woran soll man glauben?

Ich möchte an etwas anderes als Haarlack glauben oder daran, dass morgen schon alles vorbei sein kann. Denn ja, es kann... es kann aber auch nicht. Ich sehe noch einmal herunter. Folge meiner blauen Jeans, von den Knien abwärts. Es ist eine, wie jeder sie trägt. Ich weiß noch was sie gekostet hat. Als ginge es darum wenn man beginnt den Blick zu senken. Fast schon demütig. Demut hat etwas Befreiendes denke ich und etwas mutiges obwohl Demut vielleicht das Gegenteil von Mut ist.

Aber nein, ich denke nicht. Demut erscheint mir mutig. Mut hinzusehen, zu sehen, dass wir barfuß sind. Dann ist es leicht. Und wir fragen nicht mehr nach rechts oder links. Über den Horizont hat sich ein blaues Laken gespannt als wir begreifen, dass wir alle irgendwie barfuß sind. Dann ist es leicht.

Ich lande. Ich lande leise.